Es geht unter die Haut und mitten ins Herz
Das Theaterensemble „Tejader“ der Lebenshilfe Buchen führt am 25. und 26. April das Stück „Mit Leib und Seele“ auf
Von Rüdiger Busch
Buchen. „Ich krieg’ Gänsehaut – so schön ist das!“ Ann-Kathrin Beyersdorfer ist begeistert, mit wie viel Herzblut die Darsteller eine Aufwachszene mit Leben erfüllen: Melanie gähnt herzhaft, Tommy reibt sich die müden Augen, und Lena räkelt sich genüsslich. Die Begeisterung der Theaterpädagogin ist nachvollziehbar: Wer dem Theaterensemble „Tejader“ der Lebenshilfe Buchen bei den Proben zuschaut, kommt schnell ins Schwärmen. Die acht Schauspieler und Schauspielerinnen zeigen eine beeindruckende Lust am Spielen, am Tanzen und an der Bewegung, die sich bei den beiden Aufführungen von „Mit Leib und Seele“ Ende April im Seitenbacher-Forum mit Sicherheit schnell auf das Publikum übertragen wird.
„Wenn es klatscht, geht es los!“ Mira weiß genau, auf welches akustische Signal sich achten muss, um ihren Einsatz nicht zu verpassen. Und wenn doch einer der Akteure einmal nicht weiterweiß, dann wird er von den Kollegen sanft auf den richtigen Weg hingewiesen: „Sie unterstützen sich gegenseitig, und das alles auf eine ungemein liebevolle Art und Weise“, hat Ann-Kathrin Beyersdorfer beobachtet, die bei ihrer Arbeit von Gaby Wörner unterstützt wird.
Die beiden sind ein eingespieltes Duo und denken noch gerne an das 2018 mit großem Erfolg aufgeführte Stück „Schlaflos in Schlummerland“ zurück. „Der Großteil des alten Ensembles ist wieder dabei“, sagt Gaby Wörner, „das sind alles erfahrene Schauspieler.“ Und den beiden Neulingen merkt man die fehlende Erfahrung überhaupt nicht an. Bereits seit Januar 2025 laufen die Proben, zunächst einmal die Woche. Inzwischen wird sogar dreimal die Woche geübt. Sechs der acht Schauspieler arbeiten in der Behindertenwerkstätte: Sie kommen nach einem anstrengenden Arbeitstag direkt zu den Proben – eine bemerkenswerte Leistung, erst recht, wenn man sieht, wie konzentriert und zielgerichtet die Proben ablaufen. Man spürt: Sie brennen für die Schauspielerei.
Acht Jahre sind seit dem letzten Stück vergangen: „Wir alle sind älter geworden, die Schauspieler sind älter geworden, und das machen wir zum Thema“, erklärt Ann-Kathrin Beyersdorfer. Alles solle sich um den Körper, die zugehörigen Ideale, aber auch Beeinträchtigungen und Selbstoptimierung drehen – diese Idee stand ganz am Anfang. „Körper“, so lautete denn auch schlichte Arbeitstitel der szenischen Collage, in der sich die acht Schauspieler und Schauspielerinnen mit Beeinträchtigung auf die Suche nach dem eigenen Selbstwert begegnen und dem Publikum dabei gekonnt den Spiegel vorhalten.
Es geht aber beileibe nicht nur um den Körper, sondern um das, was den Menschen wirklich ausmacht, seine Persönlichkeit, seinen Glanz, sein inneres Strahlen – und das wird auf der Bühne zu bewundern sein. Was ist Schönheit? Wie wird Behinderung definiert? Welche Rechte haben Menschen mit Einschränkungen? Wenn sich die Darsteller mit diesen Fragen befassen, geht das unter die Haut. Die Schauspieler thematisieren ihre eigenen Erfahrungen mit dem Down-Syndrom, lassen die Zuschauer an ihren Schmerzpunkten teilhaben und feiern gleichzeitig die Selbstliebe. Von Fitness-Wahn und Beauty-Produkten bis hin zum puren Genuss beim Essen.
„Es ist kein liebliches Stück“, warnt die Theaterpädagogin, sondern ein mutiges und zutiefst persönliches Projekt. Und zugleich ist es ein Plädoyer für Menschlichkeit, dafür, den anderen mit seinen Besonderheiten nicht nur zu akzeptieren, sondern zu schätzen, zu mögen und zu lieben.
Gesprochen wird auf der Bühne wenig. Stattdessen sind O-Töne der Darsteller als Einspieler zu hören. Immer wieder bringen die Schauspieler auch ihre eigenen Ideen und Erfahrungen mit ein: So hat der begeisterte Yoga-Fan Achim dafür gesorgt, dass sein Hobby in einer Szene auftaucht. Tommy kann auf den Spuren seines Idols Spiderman die Muskeln spielen lassen. Und Patrick kann sich beim Kulissenumbau als der Schaffer geben, der er ist.
„Es ist einfach nur cool: Wir zeigen uns so, wie wir sind“, sagt Lena. Und für diese Offenheit, für diesen ungeschminkten Blick auf sich selbst werden ihnen garantiert die Herzen des Publikums zufliegen. Bleibt nur noch eine Frage offen: Sind sie vor ihrem großen Auftritt aufgeregt, haben sie Lampenfieber? „Ich nicht, ich bin Profi“, sagt Mira schlagfertig und hat damit die Lacher auf ihrer Seite.